Wissenswertes und Erzählenswertes

Bereits seit 164 Jahren (Gründungsjahr 1843) gibt es Jungschützen in Gehrden. Nur, früher nannten sie sich nicht Jungschützen, sondern „Junggesellen-Schützen St. Gereon“!

Ein Blick in die Geschichte verrät uns die Antworten auf viele Fragen. Zum Beispiel: 1.Was war das für eine Zeit, in der sich in Gehrden eine eigenständige St. Gereon-Junggesellen-Schützengesellschaft gründete? 2.Warum überhaupt gab es diese „St. Gereon Junggesellenschützen“? 3.Warum gab es den eigenen Patron St. Gereon? 4.Warum eine eigene Fahne? 5.Warum gab es einen eigenen „Oberst der Junggesellen“, der einen eigenen Vorstand anführte? 6.Gab es eigene Veranstaltungen der St. Gereon-Junggesellen-Gesellschaft? 7.Wie wurde das Schützenfest der St.Gereon-Jungesellenschützen gefeiert? 8.Ein kleiner Ausblick Zu 1: 1843, das ist die Zeit vor der Revolution 1848. 1841 hatte Hoffmann von Fallersleben auf der Insel Helgoland das „Lied der Deutschen“ gedichtet. Er wurde dafür verfolgt und landete als Archivar und Bibliothekar in Corvey / Höxter. Dort starb er auch, dort ist er auch beerdigt. Gerade, weil er „Einigkeit und Recht und Freiheit für das Deutsche Vaterland“ forderte fanden diese Gedanken Zuspruch in allen Bevölkerungsteilen. Aber nicht bei den adeligen Fürsten und Grafen, die um ihre Vorrechte fürchteten. Deutschland war ein „Flickenteppich“, bestehend aus vielen kleineren und größeren Fürstentümern, Grafschaften und eigenständigen Landesteilen oder Städten. Es machte sich allmählich eine Stimmung des Aufbegehrens und des Widerstandes breit und zwar aus den unterschiedlichsten Motiven in nahezu allen gesellschaftlichen Gruppen. Die Revolution des Jahres 1848 –also 5 Jahre nach Gründung der St. Gereon-Junggesellen- war eine Explosion und logische Folge der Ereignisse der Jahre nach den napoleonischen Kriegen. Sichtbare Ereignisse waren das Wartburg-Fest (1817) und das Hambacher Fest (1831). Eine große Zusammenkunft wurde in dieser Zeit immer als „Fest“ bezeichnet. In Gehrden war das Revolutionsjahr 1848 besonders ereignisreich. Angeführt vom Gehrdener Dorfschullehrer, dessen Bruder in der Stadt Frankfurt den Aufstand anführte, richtete sich der Aufstand gegen den Driburger Grafen, bei dem viele verschuldet waren. Zwei Beispiele für das Aufbegehren: Aus jedem Hause in Gehrden und in Siddessen musste ein männlicher Bewohner gestellt werden, der mit Axt und Säge ausgerüstet, am Agathenberg erscheinen musste. An einem Tage wurde der gräfliche Eschenwald, ein „Flanier-Wäldchen“ abgeholzt. Dieses zeigte die damalige Geschlossenheit. Am folgenden Tage wollte man mit Forken und Dreschflegeln bewaffnet gen Driburg ziehen, um sich den Grafen „vorzuknöpfen“. In Dringenberg angekommen, ereilte sie die Nachricht, wonach sich 400 Driburger Bürger zusammengetan hätten, um den Grafen zu schützen. Gegen diese Übermacht sah man keine Chance und man zog sich nach einigen Beratungen wieder zurück. Zu 2: In der Zeit um 1840 war es immer noch üblich, das die Schützenbrüder und ihre Ehefrauen unter sich blieben, alleine Schützenfest feierten. Lediglich der König durfte einen Gast seiner Wahl einladen, den „Königsgast“. Dieser war aber mehr ein Sponsor des Festes, denn, wie es in den Statuten steht, musste er sich „anständig beweinkaufen“. Am Fest nicht teilnehmen durften die Nichtmitglieder der Schützengesellschaft. Das waren besonders die vielen Junggesellen, „ledige“ Onkel und Tanten, Mägde und Knechte, die es reichlich auf den Höfen gab. Auch, wer von unehelicher Geburt war oder aber aus einer zweifelhaften Beziehung stammte, dem war die Mitgliedschaft in der Schützengesellschaft verwehrt. Interesse an den Schützenfesten zeigten aber auch Burschen aus den Nachbarorten. Für Mädchen galt das noch als „unzüchtig“. Was also lag näher, als eben die Gründung einer eigenen Junggesellen-Schützengesellschaft? Ein eigenes zünftiges Fest, das war es! Das war aber auch ein Stück Aufbegehren gegen die etablierten Hofbesitzer und gegen die Mitglieder der St. Sebastian-Schützengesellschaft. Es war aber auch ein gehöriges Stück Selbstbewusstsein. Und so wurden die Junggesellen-Schützenfeste besonders zünftig gefeiert. Zwei Feste im Jahr, das war zuviel. Also feierte jede Schützengesellschaft alle zwei Jahre. Ab 1871 (Gründung des 2. Deutschen Kaiserreiches) gab es Annäherungen beider Schützengesellschaften. Ein dritter Verein, ein Kriegerverein wurde vielerorts gegründet, auch in Gehrden. Hier vereinten sich dann wieder Mitglieder beider Gesellschaften. Nach dem ersten Weltkrieg hörte der Kriegerverein auf zu existieren. Beide Schützengesellschaften, St. Sebastian und St. Gereon, fanden mehr und mehr zusammen, feierten gemeinsame Feste. Die Ehre, den Schützenkönig stellen zu dürfen, wechselte von Jahr zu Jahr. Mal war es ein Junggeselle, dann wieder ein Altschütze. Diese Tradition hielt auch noch nach dem 2. Weltkrieg an, verlor aber zunehmend an Bedeutung. Hauptgrund, vielleicht auch Übel, war die Tatsache, wonach die Junggesellen oder Jungschützen an eigener Identität einbüßten, die eigene reiche Geschichte nicht genügend kannten oder beachteten. Viele sahen es als erstrebenswert an, möglichst früh in den Reihen der Altschützen, den Sebastiönern, Aufnahme zu finden. Doch zurück zur Geschichte: Zu 3: Ein Bekenntnis zur Kirche war in beiden Schützengesellschaften selbstverständlich. „Schutz der Kirche“ war gerade in Regionen mit überwiegender katholischer Bevölkerung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Aufgabe und Verpflichtung zugleich. Aber, man wollte sich von den Altschützen, den Sebastiönern, deutlich unterscheiden. Und so wurde auf Betreiben des Gehrdener Pfarrers der Hl. Gereon zum Schutzpatron der neuen Junggesellen-Schützengesellschaft bestimmt. Die Verehrung des Hl. St. Gereon wurde in Gehrden belebt. Anlässlich der Prozessionen wurde das Selbstverständnis der Junggesellenschützen durch das Tragen des St. Gereon-Schreines demonstriert. Mit besonderem Stolz wurde der St. Gereon-Schrein getragen. Leider geriet auch diese Tradition später in eine Krise. Seit einigen Jahren wird der St. Gereon-Schrein „Gott sei Dank“ von Jungschützen anlässlich von Prozessionen getragen. Zu 4: Um Unabhängigkeit und Eigenständigkeit zu demonstrieren wurde natürlich eine eigene Fahne angeschafft. Von der Geschichte her haben Fahnen und Fahnenträger immer eine besondere Bedeutung. In Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen mussten die Landsknechte und Söldner immer auf die Fahne achten. Die Fahne gab die Richtung an, dieser war zu folgen. Fiel ein Fahnenträger, so musste sofort der Nächste die Fahne übernehmen und die vom Feldherrn bestimmten Bewegungen anzeigen. „Erkennbarkeit der Fahne auf weite Sicht“ war daher immer ein bestimmender Gedanke für die Gestaltung einer Fahne. Die Darstellung des Hl. Gereon in der Junggesellen-Fahne sollte daher auch ein besonderes Zeichen der Eigenständigkeit und des Bekenntnisses zur Kirche in Gehrden ausdrücken. Vielleicht war das auch ein kleiner Protest gegen die Fahne der Altschützen......... Zu 5: Eine eigenständige Schützengesellschaft verfügt natürlich auch über einen eigenen Oberst, einen eigenen Vorstand. Vorbilder waren dabei die Strukturen der St. Sebastian-Schützengesellschaft. „Was und wie die es haben, so wollen wir es auch haben“, so wurde vermutlich gedacht. Wohl unbewusst leitete man so die spätere Annnäherung und Vereinigung ein. Nur, wie man die Ämter ausübte, so wollte man sich sichtbar unterscheiden. Auch hier muss wieder kritisch angemerkt werden, dass wohl eine Vernachlässigung in der Ämterführung zur zunehmenden Bedeutungslosigkeit der Eigenständigkeit führte. Nachteilig war sicher, dass oftmals Ämter nur für die Dauer eines Schützenfestes ausgeübt wurden. Zu 6: Es ist davon auszugehen, das mindestens bis 1871 ein Eigenleben funktionierte. Ja, darauf wurde geachtet. Das bedeutet, eigene Zusammenkünfte, aber Schützenfeste nur alle zwei Jahre. An kirchlichen Veranstaltungen nahm man als eigene Gruppe teil. Auch wurde der Kontakt zu anderen Dörfern gesucht, in denen sich ebenfalls 2 Schützengesellschaften etabliert hatten. Es gab sehr viele Orte, in denen es zwei Schützengesellschaften gab. Im Kreise Höxter gibt es noch zwei Orte (Bergheim, Vinsebeck), die über zwei Schützenbruderschaften verfügen. Hier wird noch die Tradition der Junggesellen-Schützen gelebt. Wenn auch bei weitem nicht mehr mit der Konsequenz, wie dieses vor rund 150 Jahren gelebt wurde. Gründe: es gibt nicht mehr so viele Junggesellen wie noch vor 150 Jahren und später. Und: die Anpassung an die umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen. Im Rheinland, im Sauerland und auch in anderen Regionen gibt es noch heute –wenn auch vereinzelt- Junggesellenschützenbruderschaften, die ihren Ursprung auch in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts haben und die durch ähnliche Beweggründe geprägt wurden. Allerdings gibt es diese Vereinigungen nur in kleineren Städten (z.B. Erwitte), wo sich noch genügend junge Menschen zusammen finden. Es ist bewundernswert, wenn man mit Vertretern dieser Junggesellen-Bruderschaften diskutiert. Diese Vertreter präsentieren sich auf Schützentreffen immer als besonders stolz und selbstbewusst. Sie wollen diese Zeit genießen, bevor sie zu den Altschützen stoßen und sich dort wesentlich mehr anpassen müssen! Zu 7: Genau wie bei den Altschützen gab es strenge Regeln für das Feiern der Feste. Allerdings soll es bei den Junggesellen viel zünftiger und ausgelassener zugegangen sein. Eröffnet wurde jedes Fest mit einem Kirchgang. Gefeiert wurde unter freiem Himmel bis zum Einbruch der Dunkelheit. Die Dorfmusikanten spielten zum Tanz. Es wurde der Umtrunk durch „Zuprosten“ gepflegt. Niemand durfte alleine trinken. Ein eigenes Holzgefäß, das dem heutigen Stiefel schon sehr ähnlich sah, kreiste und wurde geleert. Wer Bier verschüttete, mehr als mit diesem Stiefel bedeckt werden konnte, der wurde in Strafe genommen. In Anlehnung an die Sitte dieser Umtrunke mit dem Stiefel entstand das Sprichwort: „er hat die Hacken voll“. Dieses waren zwar auch Traditionen der alten Schützengesellschaften, wie es in den Statuten nachzulesen ist, doch wurden diese Traditionen in den meisten Junggesellen-Schützengesellschaft mit besonderer Inbrunst gepflegt. Das Treiben der Junggesellen wurde von der St.Sebastian-Schützengesellschaft kritisch beobachtet. Möglichkeiten der Einflussnahme wurden konsequent genutzt, damit das Fest nicht „ausartete“. Dieses hat natürlich ebenfalls zum späteren allmählich zunehmenden Bedeutungsverlust – und damit zum Verlust der Eigenständigkeit und der Unabhängigkeit- geführt. Zu 8: Die Gehrdener Jungschützen verfügen über eine großartige Geschichte. Vorstehende Ausführungen können natürlich viele Dinge nur andeuten. Die Ausführungen sind unvollständig und bruchstückhaft. Dennoch sollte es ein kleiner Einblick in die eigene Geschichte sein. „Wer die Geschichte kennt, der kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“, so formulierte es einmal unser Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Er hat damit uneingeschränkt Recht. Ist es da nicht wünschenswert, wenn die Gehrdener Jungschützen wieder mehr Selbstbewusstsein demonstrieren und für ein stärkeres Miteinander und Füreinander eintreten? Die Zeit kann niemand zurück drehen, das ist auch nicht gewollt. Vielmehr sollten Ziele gemeinsam angestrebt werden. Mitmachen und mitgestalten, statt zu gucken, was ist denn wohl woanders noch los? Es muss darum gehen, Dinge zu tun, die man gerne macht und woran möglichst alle Beteiligten ihren Spaß haben. Geschlossenheit und Stärke demonstrieren, daran können und müssten alle Jungschützen mitwirken! Es geht auch darum, ALLEN zu zeigen, dann man innerhalb der St. Sebastian-Schützenbruderschaft von 1677 e.V. eine eigene starke und selbstbewusste Abteilung ist! Ein Danke-Schön gebührt allen Jungschützen, die sich in der Vergangenheit für das Wohl der St. Gereon-Jungschützen eingesetzt haben und oft jahrelang sehr gute Arbeit geleistet haben. Nur so konnten viele eigenständige Merkmale erhalten bleiben: der eigene Patron, die eigene Fahne, der eigene Oberst, der eigene Vorstand, eigene Aktivitäten und Projekte. Wenn all diese Dinge mit Begeisterung weiter geführt werden ... und wenn ... die eigene Geschichte bekannter gemacht wird, dann könnten neue interessante Ansätze gefunden werden, um mit viel Motivation und Engagement diese 164-jährige Abteilung jung zu halten. Und das wünschen sich sicher alle vernünftigen Schützenbrüder und Freunde des Schützenwesens in Gehrden. gez. G. Schlüter 02.01.07